kein anfang mehr

Zeit kann nur in Vergangenheitsform existieren. Die Gegenwart ist eine Gelichzeitigkeit, die Zukunft ein Wunsch nach Bestimmung.Im Judentum ist es untersagt, die Zukunft vorherzusagen. Wozu denn auch? Die einzige Zeit die uns bleibt, ist die Vergangenheit. Vergangenes kann nicht fixiert werden, es lebt in – und von – der Erinnerung.

Wie eine Kiste alter Fotos wird Geschehenes gelegentlich ausgepackt, die Bilder immer wieder neu sortiert. Jedes Mal entsteht eine neue, improvisierte Variation eines verloren gegangenen Themas. Subjekte sind zu Objektivität nicht fähig. An das Vergangene kann nicht der Maßstab absoluter Wahrheit gelegt werden.

Meine Oma verstand sich auf die Variierung des Vergangenen. Je nach Gemütsverfassung und Situation hauchte sie Geschichten Leben ein, interpretierte diese jedes Mal neu, ergriff Mal für den einen, Mal für den anderen verstrittenen Verwandten Partei, Mal schickte sie jemanden zur Hölle, dann lobte sie denselben in den Himmel. Jede dieser Versionen durchlebte sie mit solch überzeugender Leidenschaft, dass es geradezu unmöglich wurde – vor allem für sie selbst – die Tatsächlichkeit anzuzweifeln. Eine der Geschichten, die ich mehrere Dutzend Mal gehört habe, handelte davon, dass mein Vater in seiner Kindheit so brav gewesen sein soll, dass sie ihn unter der Anweisung, endlich auch mal Unfug, wie die anderen Jungen im Hof zu treiben und sich auch mal die Hosen dreckig zu machen, aus der Wohnung aussperrte. Mein Vater aber soll ruhig vor der Tür gewartet haben, bis sie ihn reinlassen und Geige üben lassen würde. Die ausschmückenden Details wurden immer wieder abgewandelt. Die Teile ihrer Erzählungen mit wörtlicher Rede blieben grundsätzlich keine zwei Mal gleich. So manche Geschichte hätte meine Oma streng genommen gar nicht bezeugen können, da sie nicht dabei gewesen sein kann. Im Lafe der Zeit hat sie ihren Lebensweg, die Ereignisse in ihrem Umfeld, die Geschichte meiner Familie immer wieder neu interpretiert. Meine Oma war eine Frau der großen Gesten. Ihr emotionaler Lautstärkeregeler war immer voll aufgedreht.

Je mehr ich an sie denke, desto klarer wird mir, wie wenig ich sie eigentlich kannte, außerhalb ihrer eigenen widersprüchlichen Erinnerungen, die in meine übergegangen sind.

Knapp ein Viertel ihres Lebens habe ich begleitet. Als das prägendste Viertel – ihre Kindheit und Jugend – bereits unüberwindlich unter den unzählichen Möglichkeiten und Auslassungen, in Überschneidungen und Widersprüchen verschüttet war. Meine Oma hatte die Angewohnheit süßes und salziges vermischt aufzubewahren.

Mit der Evakuation vor der deutschen Besatzung aus Kiew kurz vor der Ermordung der Juden in Babij Jar, der Flucht – gößtenteils zu Fuß -, der harten Lebensbedingungen im und nach dem Krieg teilt sie das grausame Schicksal so vieler, dass sich daraus kaum etwas individuelles – ihre Persönlichkeit herauslesen lässt. Nur im Leid sind wir alle gleich.

Meine Oma hatte viele einzigartige Eigenschaften. Sie hatte eine immense Vorstellungskraft und ein mitreißendes Temperament. Sie kannte nicht nur schonungsloses Mitgefühl und Fürsorge, sie schaffte sich auch die Ursachen dafür.

Sie hätte eine brilliante Schauspielerin werden können. Meine Oma hatte auch eine besondere Art, sich auszudrücken. Sie war froh, wie eine Lokomotive und schwieg, wie ein Schäfchen. Sie beteuerte immer, dass sie nichts für sich brauche, nur unser Glück wäre ihre Freude. Und Gesundheit.

Alleine, mit wechselnden Lebenspartnern, zog sie zwei Kinder groß. Nach Jahren des Hungers und der Armut, nach Jahrzehnten anspruchsloser Arbeit in einer Fabrik und unermüdlichen Tauschgeschäften auf dem Schwarzmakt erfuhr meine Oma bei der Umsiedlung nach Deutschland aus Dokumenten, dass sie ihr ganzes bisheriges Leben an einem falschen Tag Geburtstag gefeiert hatte.

Meine Oma hatte zwei Geburtstage und nur einen Tod. Ausgerechnet am 9. Mai, am “Tag des Sieges”, hat ihr Herz aufgegeben. Es sind nicht die Worte, die fehlen, es ist alles weitere.

Die Vergangenheit ist die einzige Zeit, die uns bleibt. Immerzu neue Variationen der Erinnerung. Und die Unmöglichkeit, dieser Erinnerung auch nur einen weiteren Moment ihrer Freude hinzuzufügen.

austausch

Liebe A,

Die Antworten auf Deine und sonstige Fragen, die ich Dir nicht hätte geben können, auch nicht in einem Brief, den ich nie verfassen würde. Briefe üben doch immer Vergeltung an der Vergänglichkeit.
Schließlich ist knapp ein halbes Jahr vergangen und ich immer und noch weg, aus der Überachtmillionenstadt. Ich nehme an, so etwas wie Rückflüge gibt es in Wirklichkeit gar nicht.

Von Dir habe ich gelernt. Auch, dass andere das Wichtigste zuerst schreiben.
Und Dankbarkeit habe ich gelernt. Könnte ich entscheiden, gäbe es Dankbarkeit als Schulfach.
Die Härte, mit der ich zusammentraf, war und bleibt eigene Naivität.

Mein Freund aus New Jersey mit einem russischen und einem amerikanischen Vornamen sagte einmal, je weiter man von Zuhause weg sei, desto mehr würde man sich von der eigenen Vorhersagbarkeit entfernen.
Am härtesten trifft es, das gewohnt Sichere nicht mehr zu finden. Und wie verwöhnt ich bin!
Nicht das Fremde erschreckt uns. Was wir am Vertrauten vermissen, ist das Vertrauen darin.

Lebensumstände sind lediglich Symptome.
Die kleine, frustrierte Frau, die vor meiner – ihrer – Mietzimmertür rumorte und misstrauisch kontrollierte, wohin ich ging, wann ich wiederkam und was ich tat; Lebenshaltungskosten – ein derart deutsches Wort verliert woanders an Bedeutung; Die Abstände und das Verkehrsnetz, die Egozentriertheit Manhattans, die morgendlich überfüllten Busse, deren Busfahrer täglich durch die Lautsprecher schrien, sie wüssten genau, dass hinten noch Platz sei; Das routinierte Anschmiegen an fahrende Fremde; Die Hektik und Anforderungshöhe.

Der Schulfreund meines Freundes aus New Jersey ist so, wie sich Deutsche den typischen Amerikaner vorstellen. Vor allem, weil der angehende Doktor in Psychologie die meiste Zeit sehr laut darüber referiert, wie ignorant typische Amerikaner anderen Kulturen gegenüber seien. Essen scheint dabei die stärkste Manifestation von Kultur zu sein. Eingebettet in Monologe über Speise- und Reisevorlieben der Amerikaner schweifte er einmal verhältnismäßig kurz zu einem Exkurs über die menschliche Schmerzwahrnehmung ab. Laut Untersuchungen bevorzugen Menschen lang anhaltenden Schmerz dem kurzzeitigen, da das Gehirn am stärksten das Eintreten registriert.
Es ist also der Kontrast des Übergangs, der uns spüren lässt – salopp ausgedrückt.
Die vorhersagbaren Wechsel sind in den Griff zu bekommen, was aber passiert mit dem Ungreifbaren. Die Wärme. Woher kommt sie?

Auf einmal wurde mir der Grund für jegliche Rechtfertigungen wie unter den Füßen weggezogen. Hier bestehen keine Erklärungen für Entschuldigungen und umgekehrt.
Seite an Seite, die Nase in etwas Fremden, je nach Höhe, in Einem Zug merkwürdiger Verschiedenheiten. Das hat meine Schichten, wie Du es nanntest, gnadenlos geebnet.
Peinlich berührt musste ich einige Angewohnheiten aufgeben. Der Klang von Erfahrung ist blaß geworden, auch der von Helfen und von Retten. Besorgt musste ich feststellen, dass Sorge offensichtlich nicht überall Zuspruch findet. Und Zuspruch ist doch der Kamm des Verwirrten!

„Kultur, was ist das, Kultur?“, fragt mich der einstige Tänzer und derzeitige Alkoholiker Friedrich, während wir in Brighton Beach an einem Spielplatz vorbeilaufen, auf dem betrunkene russische Männer Schach spielen. Er deutet in ihre Richtung und fragt: “Bist Du darauf stolz?“
Ich habe ihm nicht geantwortet, dass Kultur möglicherweise die Nebenwirkung von Arbeitsprozessen ist. Dafür weiß ich weder von Kultur noch von Arbeit genug.
Als ich noch hier – schon dort – war, wurde Pessach, das Fest der Immigration, gefeiert. Wie unterschätzt es ist, dass zu Befreiung mehr gehört, als das Verlassen. Mehr noch, als das Erreichen.
Der Ausgang aus der Gefangenschaft ist wahrscheinlich die persönlichste und einsamste Wanderung.

Als ich etwa vier war soll ich meine Mutter gefragt haben: „Wie kannst du mich trösten?“
Meine Schwester war gerade für einen Monat in einem Zug nach Moskau abgefahren.
Zahlreiche Züge sind seitdem abgefahren.
„Wie kannst du mich trösten?“, fragte ich die Überachtmillionenstadt. Nachdem ich an- und alles anders kam, nachdem ich 40 Blocks im einzigen Schneesturm des Jahres gelaufen war, nachdem ich meine Überwältigung bewältigt hatte und gerade noch Zeit genug bleib, mein neues Vermissen zu antizipieren.
Weil doch alle unvorhersagbaren Dinge der Zeit unterworfen sind.
Ich begriff etwas mehr, dass es nicht möglich ist Berührungen festzuhalten.
Wie kannst du mich trösten?
Und die Überachtmillionenstadt summt.

Immer Deine.

austausch

Liebe A,

Die Antworten auf Deine und sonstige Fragen, die ich Dir nicht hätte geben können, auch nicht in einem Brief, den ich nie verfassen würde. Briefe üben doch immer Vergeltung an der Vergänglichkeit.
Schließlich ist knapp ein halbes Jahr vergangen und ich immer und noch weg, aus der Überachtmillionenstadt. Ich nehme an, so etwas wie Rückflüge gibt es in Wirklichkeit gar nicht.

Von Dir habe ich gelernt. Auch, dass andere das Wichtigste zuerst schreiben.
Und Dankbarkeit habe ich gelernt. Könnte ich entscheiden, gäbe es Dankbarkeit als Schulfach.
Die Härte, mit der ich zusammentraf, war und bleibt eigene Naivität.

Mein Freund aus New Jersey mit einem russischen und einem amerikanischen Vornamen sagte einmal, je weiter man von Zuhause weg sei, desto mehr würde man sich von der eigenen Vorhersagbarkeit entfernen.
Am härtesten trifft es, das gewohnt Sichere nicht mehr zu finden. Und wie verwöhnt ich bin!
Nicht das Fremde erschreckt uns. Was wir am Vertrauten vermissen, ist das Vertrauen darin.

Lebensumstände sind lediglich Symptome.
Die kleine, frustrierte Frau, die vor meiner – ihrer – Mietzimmertür rumorte und misstrauisch kontrollierte, wohin ich ging, wann ich wiederkam und was ich tat; Lebenshaltungskosten – ein derart deutsches Wort verliert woanders an Bedeutung; Die Abstände und das Verkehrsnetz, die Egozentriertheit Manhattans, die morgendlich überfüllten Busse, deren Busfahrer täglich durch die Lautsprecher schrien, sie wüssten genau, dass hinten noch Platz sei; Das routinierte Anschmiegen an fahrende Fremde; Die Hektik und Anforderungshöhe.

Der Schulfreund meines Freundes aus New Jersey ist so, wie sich Deutsche den typischen Amerikaner vorstellen. Vor allem, weil der angehende Doktor in Psychologie die meiste Zeit sehr laut darüber referiert, wie ignorant typische Amerikaner anderen Kulturen gegenüber seien. Essen scheint dabei die stärkste Manifestation von Kultur zu sein. Eingebettet in Monologe über Speise- und Reisevorlieben der Amerikaner schweifte er einmal verhältnismäßig kurz zu einem Exkurs über die menschliche Schmerzwahrnehmung ab. Laut Untersuchungen bevorzugen Menschen lang anhaltenden Schmerz dem kurzzeitigen, da das Gehirn am stärksten das Eintreten registriert.
Es ist also der Kontrast des Übergangs, der uns spüren lässt – salopp ausgedrückt.
Die vorhersagbaren Wechsel sind in den Griff zu bekommen, was aber passiert mit dem Ungreifbaren. Die Wärme. Woher kommt sie?

Auf einmal wurde mir der Grund für jegliche Rechtfertigungen wie unter den Füßen weggezogen. Hier bestehen keine Erklärungen für Entschuldigungen und umgekehrt.
Seite an Seite, die Nase in etwas Fremden, je nach Höhe, in Einem Zug merkwürdiger Verschiedenheiten. Das hat meine Schichten, wie Du es nanntest, gnadenlos geebnet.
Peinlich berührt musste ich einige Angewohnheiten aufgeben. Der Klang von Erfahrung ist blaß geworden, auch der von Helfen und von Retten. Besorgt musste ich feststellen, dass Sorge offensichtlich nicht überall Zuspruch findet. Und Zuspruch ist doch der Kamm des Verwirrten!

„Kultur, was ist das, Kultur?“, fragt mich der einstige Tänzer und derzeitige Alkoholiker Friedrich, während wir in Brighton Beach an einem Spielplatz vorbeilaufen, auf dem betrunkene russische Männer Schach spielen. Er deutet in ihre Richtung und fragt: “Bist Du darauf stolz?“
Ich habe ihm nicht geantwortet, dass Kultur möglicherweise die Nebenwirkung von Arbeitsprozessen ist. Dafür weiß ich weder von Kultur noch von Arbeit genug.
Als ich noch hier – schon dort – war, wurde Pessach, das Fest der Immigration, gefeiert. Wie unterschätzt es ist, dass zu Befreiung mehr gehört, als das Verlassen. Mehr noch, als das Erreichen.
Der Ausgang aus der Gefangenschaft ist wahrscheinlich die persönlichste und einsamste Wanderung.

Als ich etwa vier war soll ich meine Mutter gefragt haben: „Wie kannst du mich trösten?“
Meine Schwester war gerade für einen Monat in einem Zug nach Moskau abgefahren.
Zahlreiche Züge sind seitdem abgefahren.
„Wie kannst du mich trösten?“, fragte ich die Überachtmillionenstadt. Nachdem ich an- und alles anders kam, nachdem ich 40 Blocks im einzigen Schneesturm des Jahres gelaufen war, nachdem ich meine Überwältigung bewältigt hatte und gerade noch Zeit genug bleib, mein neues Vermissen zu antizipieren.
Weil doch alle unvorhersagbaren Dinge der Zeit unterworfen sind.
Ich begriff etwas mehr, dass es nicht möglich ist Berührungen festzuhalten.
Wie kannst du mich trösten?
Und die Überachtmillionenstadt summt.

Immer Deine.

verluste

Ich versuche mich daran zu erinnern, was ich vergessen und verloren habe, in den vielen letzten Monaten, was ich vermisse. Nummern, Adressen, Menschen, Mützen, Bücher, einen Schlafsack, mehrere Tüten, von denen ich nicht mehr weiß, welchen Inhalt diese hatten.
Auf Bahnhöfen und Tischen, in Zügen und fremden Wohnungen.

Vor kurzem hatte ich eine preisgekrönte Erzählung zu lesen. Es ging um einen Schriftsteller, der in den Siebzigern spurlos verschwindet und um seine Tochter, Künstlerin, die dieses Verschwinden ihr Leben lang verfolgt. Eben saß er noch in seinem Dachgeschosszimmer und schrieb und dann war er für immer fort. Und die Tochter wandert durch das Zimmer, wo seine Habseligkeiten gleich Museumsstücken ausgestellt sind, nimmt in Rückblenden halluzinogene Drogen und trifft ihren Freund, macht Kunst und unterhält sich mit ihrer Mutter. In Etwa.
„The Vanishing“. Man ahnt es schon zu Beginn. Zwei Frauen sitzen im Café und wir erfahren, dass sie kurz auf Robert oder Richard oder so ähnlich zu sprechen kommen. Dann erfahren wir, dass sie das Thema wechseln und über Alltägliches sprechen, explizit Alltägliches. Über den Preis von Kartoffeln, erfahren wir. Wir sind irgendwo in Amerika der neunziger Jahre.

Ich stelle fest, dass mich das nicht an das Verschwinden erinnert. Daran, wie wir vor langer Zeit, in unserer ersten deutschen Stadt eine Familie kannten, für die es auch die erste deutsche Stadt war. Ein Ehepaar mit zwei Söhnen im Teenageralter, die leidenschaftlicher Fahrradfahrer waren. Daran, wie das Rennrad des jüngeren vor unserer Haustür einmal unbemerkt in einen Kleintransporter geladen worden war, während er, bei uns zu Besuch, beteuerte, dass es in der Gegend sicher sei und er es nicht abzusperren brauche. Daran, dass sein älterer Bruder mit seinem Vater, gebeutelt vom Alltäglichen, eine Fahrradtour nach Frankreich unternommen hatten und wir, wie nebenbei, erfuhren, dass der Vater Zigaretten holen gegangen war und nicht zurückgekehrt ist.
Es kann nicht explizit erfasst werden. Verlust ist vielleicht das Alltäglichste überhaupt.

Eine Bekannte aus der ehemaligen Sowjetunion, erzählte mir zwanzig Jahre und einen Schlaganfall später davon, wie sie nach Amerika ausgewandert war. Sie hatte gerade einen Job gefunden und angefangen, ihre neue Einzimmerwohnung in Chicago einzurichten, als bei ihr eingebrochen wurde – durch die Wand zu der Nachbarwohnung. Als sie nach Hause kam, war ihre Haustür angelehnt, es brannte Licht, auf dem Boden war Schutt und um den Kühlschrank lagen angebissene Lebensmittel. Die Einbrecher hatten Geld oder Wertgegenstände gesucht, aber außer eines Anrufbeantworters, den sie mitnahmen, gab es nichts. Der amerikanische Klischeepolizist nahm am selben Abend ein Protokoll auf, während die Frau aufgeregt um ihn herumlief und bei jeder Frage die fehlende answering machine erwähnte. Der Anrufbeantworter war eine große Investition gewesen, und von essentieller Bedeutung bei der Jobsuche. Schmuck, fragte der Polizistenriese, Geld, VHS, Stereoanlage. Sie musste jedes Mal verneinen und auf die answering machine aufmerksam machen. TV, fragte der Polizist zuletzt und als sie auch diesmal sagen musste, dass sie keinen Fernseher habe, schaute er voller mitleidiger Verwunderung von seinem Protokoll zu ihr hoch, als wäre sie das seltsamste Wesen, das ihm bisher begegnet war. Nicht einmal einen Fernseher hatte sie. Tief beeindruckt sagte er: „Wow. Such a great job for nothing“.

Familienfreunde, die seit 25 Jahren in New Jersey leben erinnern sich an so genannte deutsche Wurst, die in der Sowjetunion eine seltene Delikatesse gewesen ist. In Deutschland habe ich noch nie von einer solchen kalt geräucherten nationalen Spezialität gehört. Sie erinnern sich daran, wie es ihnen kurz vor ihrer Abreise gelungen war, eine Wurststange zu beschaffen und wie diese dann in einer Tragetasche auf dem Bahnhof geklaut worden war. 25 Jahre später erinnern sie sich an die Bitterkeit eines solchen Verlustes.

Und ich war monatelang woanders als jetzt und versuche, Vergangenes, Verlorenes und Verbliebenes zu erahnen, wobei ich die Möglichkeit hätte, mich schon morgen von meinem Vermissen zu überzeugen und nicht einmal sagen kann, was die Tüten zum Inhalt hatten.

verluste

Ich versuche mich daran zu erinnern, was ich vergessen und verloren habe, in den vielen letzten Monaten, was ich vermisse. Nummern, Adressen, Menschen, Mützen, Bücher, einen Schlafsack, mehrere Tüten, von denen ich nicht mehr weiß, welchen Inhalt diese hatten.
Auf Bahnhöfen und Tischen, in Zügen und fremden Wohnungen. Manches taucht unerwartet auf, manches unter.

Vor kurzem hatte ich eine preisgekrönte Erzählung zu lesen. Es ging um einen Schriftsteller, der in den Siebzigern spurlos verschwindet und um seine Tochter, Künstlerin, die dieses Verschwinden ihr Leben lang verfolgt. Eben saß er noch in seinem Dachgeschosszimmer und schrieb und dann war er für immer fort. Und die Tochter wandert durch das Zimmer, wo seine Habseligkeiten gleich Museumsstücken ausgestellt sind, nimmt in Rückblenden halluzinogene Drogen und trifft ihren Freund, macht Kunst und unterhält sich mit ihrer Mutter. In Etwa.
„The Vanishing“. Man ahnt es schon zu Beginn. Zwei Frauen sitzen im Café und wir erfahren, dass sie kurz auf Robert oder Richard oder so ähnlich zu sprechen kommen. Dann erfahren wir, dass sie das Thema wechseln und über Alltägliches sprechen, explizit Alltägliches. Über den Preis von Kartoffeln, erfahren wir. Wir sind irgendwo in Amerika der neunziger Jahre.

Ich stelle fest, dass mich das nicht an das Verschwinden erinnert. Daran, wie wir vor langer Zeit, in unserer ersten deutschen Stadt eine Familie kannten, für die es auch die erste deutsche Stadt war. Ein Ehepaar mit zwei Söhnen im Teenageralter, die leidenschaftlicher Fahrradfahrer waren. Daran, wie das Rennrad des jüngeren vor unserer Haustür einmal unbemerkt in einen Kleintransporter geladen worden war, während er, bei uns zu Besuch, beteuerte, dass es in der Gegend sicher sei und er es nicht abzusperren brauche. Daran, dass sein älterer Bruder mit seinem Vater, gebeutelt vom Alltäglichen, eine Fahrradtour nach Frankreich unternommen hatten und wir, wie nebenbei, erfuhren, dass der Vater Zigaretten holen gegangen war und nicht zurückgekehrt ist.
Es kann nicht explizit erfasst werden. Verlust ist vielleicht das Alltäglichste überhaupt.

Eine Bekannte aus der ehemaligen Sowjetunion, erzählte mir zwanzig Jahre und einen Schlaganfall später davon, wie sie nach Amerika ausgewandert war. Sie hatte gerade einen Job gefunden und angefangen, ihre neue Einzimmerwohnung in Chicago einzurichten, als bei ihr eingebrochen wurde – durch die Wand zu der Nachbarwohnung. Als sie nach Hause kam, war ihre Haustür angelehnt, es brannte Licht, auf dem Boden war Schutt und um den Kühlschrank lagen angebissene Lebensmittel. Die Einbrecher hatten Geld oder Wertgegenstände gesucht, aber außer eines Anrufbeantworters, den sie mitnahmen, gab es nichts. Der amerikanische Klischeepolizist nahm am selben Abend ein Protokoll auf, während die Frau aufgeregt um ihn herumlief und bei jeder Frage die fehlende answering machine erwähnte. Der Anrufbeantworter war eine große Investition gewesen, und von essentieller Bedeutung bei der Jobsuche. Schmuck, fragte der Polizistenriese, Geld, VHS, Stereoanlage. Sie musste jedes Mal verneinen und auf die answering machine aufmerksam machen. TV, fragte der Polizist zuletzt und als sie auch diesmal sagen musste, dass sie keinen Fernseher habe, schaute er voller mitleidiger Verwunderung von seinem Protokoll zu ihr hoch, als wäre sie das seltsamste Wesen, das ihm bisher begegnet war. Nicht einmal einen Fernseher hatte sie. Tief beeindruckt sagte er: „Wow. Such a great job for nothing“.

Familienfreunde, die seit 25 Jahren in New Jersey leben erinnern sich an so genannte deutsche Wurst, die in der Sowjetunion eine seltene Delikatesse gewesen ist. In Deutschland habe ich noch nie von einer solchen kalt geräucherten nationalen Spezialität gehört. Sie erinnern sich daran, wie es ihnen kurz vor ihrer Abreise gelungen war, eine Wurststange zu beschaffen und wie diese dann in einer Tragetasche auf dem Bahnhof geklaut worden war. 25 Jahre später erinnern sie sich an die Bitterkeit eines solchen Verlustes.

Und ich war monatelang woanders als jetzt und versuche, Vergangenes, Verlorenes und Verbliebenes zu erahnen, wobei ich die Möglichkeit hätte, mich schon morgen von meinem Vermissen zu überzeugen und nicht einmal sagen kann, was die Tüten zum Inhalt hatten.

Queens

Eine Bushaltestelle an der Continental Avenue, Queens.

PERSONEN

Gruppe Menschen
Bus
großgewachsener Mann
bärtige Verrückte
junges Mädchen
ich

Es ist spät, kalt und sehr windig.
Eine Gruppe Menschen wartet auf den Bus. Die meisten haben sich in die Eingangshalle einer Bank gestellt.

(Eine kleine Frau am Eingang, die sich gerade ihre Zigarette angezündet hat, macht mir auf.)

Die bärtige Verrückte, die hier wohnt kratzt sich durch die Lagen ihrer Kleidung und murmelt etwas Unverständliches. Von innen beobachten die Wartenden, die von einem Grocery Store und einer 24-Studen Drogerie beleuchtete Straße. Die Gnadenlosigkeit der Witterungsverhältnisse erinnert an einen Western, als könnte gleich ein Steppenläufer vorbei rollen.
Es weht Verpackungsmüll über den Asphalt. Der breitschultrige, großgewachsene Mann in Hoodie lehnt an der Haltestelle. Eingemummt und vorgebeugt kaut er an einem Burger. Der Bus fährt heran, kommt zum stehen und öffnet die vordere Tür. Die Wartenden stellen sich an. Das Handy des Mannes klingelt während des Einsteigens.

Mann: [steigt in ein und setzt sich auf einen der Sitze im hinteren Bereich des Busses]: Hallo.
Mann: Hallo?
Mann: Hallo?
Mann: Ich hör dich schlecht.
Mann: Ich steige jetzt in den Bus.
Mann: Ich war auf der Arbeit.
Mann Hallo?
Mann: Wer hat dir gesagt, ich war im Fitnesstudio?
Mann: Ich hör dich nicht.
Mann: Ich bin im Bus.
Mann: Ich fahre jetzt heim.
Mann: Was machst du?
Mann: Wo bist du?
Mann: Hallo?
Mann: Du bist im Arsch.
Mann: Hallo?
Mann: Du bist im Arsch.
Mann: Ich hör dich nicht.
Mann: Kannst du mich hören.
Mann: Was machst du?
Mann: Du bist im Arsch.
Mann: Ich war so angepisst, ich habe ihnen alles erzählt.
Mann: Hallo?
Mann: Sie wissen alles.
Mann: Was wirst du jetzt machen?
Mann: Hallo?
Mann: Wo bist du?
Mann: Wo willst du jetzt hin?
Mann: Mann, ich war so angepisst, du bist im Arsch, sag ich dir.
Mann: Hörst du mich?
Mann: Du bist im Arsch.
Mann: Sie wissen alles, ich habe ihnen alles erzählt.
Mann: Du bist im Arsch, hörst du mich?
Mann: Wo bist du jetzt?
Mann: Wo willst du jetzt hingehen?
Mann: Du kannst da nicht hin.
Mann: [Stimme wird zunehmend lauter]Du bist im Arsch.
Mann: Hörst du mich? [steht auf und geht an die Tür des Busses]
Mann: Da kannst du nicht hin. Ich habe ihr alles erzählt. Wo willst du hingehen?
Mann: Zu meiner Mutter kannst du nicht.
Mann: Ich sagte, ich habe ihnen alles erzählt.
Mann: Nein, da kannst du nicht hin.
Mann: Das wirst du nicht, ich werde es verhindern.
Mann: Zu mir kannst du nicht.
Mann: Hallo?
Mann: Du bist im Arsch.
Mann: Nein, zu meiner Mutter kannst du nicht.
Mann: Kannst du mich hören?
Mann: Da kannst du nicht hin. Was willst du jetzt tun?
Mann: Nein, habe ich gesagt.
Mann: Meine Mutter liebt mich mehr als dich.
Mann: Wo willst du jetzt hingehen?
Mann: Wenn du zu ihr gehst, bring ich sie um.
Mann: Und dich.
Mann: Hallo? Kannst du mich hören?
Mann: Verstehst du mich?
Mann: Was willst du jetzt tun?
Mann: Wo willst du hin?
Mann: Du kannst nirgendwo hingehen. Du bist im Arsch.
Mann: Ich war so angepisst, ich habe ihnen alles erzählt.
Mann: Hallo?
Mann: Wo willst du jetzt hin?
Mann: Nein, da kannst du nicht hin, ich habe ihnen alles erzählt.
Mann: Du kannst nicht nach Costa Rica, die werden dich nicht rein lasse. Du bist im Arsch.
Mann: Nein, ich habe alles erzählt.
Mann: Hast du mich verstanden?
Mann: Du kommst nicht zu mir.
Mann: Was willst du tun?
Mann: Hast du mich verstanden? Wo willst du jetzt hin? Du kannst nirgendwo hin.
Mann: Ok, du holst mich jetzt ab. Nein, ich bin im Bus [läuft zum Vorderteil des Busses, schaut durchs Fenster]
Mann: Ich weiß es nicht, ich fahre mit dem Bus.
Mann: Du holst mich sofort ab.
Mann: Du wartest auf mich an der Bushaltestelle. Verstanden?
Mann: Ich weiß nicht wo wir sind [versucht durch das Fenster die Name der Straße zu entziffern]
Mann: Ich weiß es nicht. Du holst mich nicht ab. Du kannst nicht zu mir.
Mann: Nein, du wirst nicht zu mir kommen. [läuft umher]
Mann: Ich will dich nicht mehr sehen.
Mann: Wo willst du jetzt hin?
Mann: Hallo?
Mann: Was willst du jetzt tun?
Mann: Du kannst nirgendwo hin, zu mir bestimmt nicht.
Mann: Nein, die werden dich nicht reinlassen. Ich habe alles gesagt, verstanden?
Mann: Weil du eine dumme Schlampe bist, verstanden? Niemand wird eine Schlampe wie dich reinlassen, verstanden?
Mann: Was willst du tun?
Mann: Wo gehst du jetzt hin? Ich will dich nicht mehr sehen. Ich will dein dummes Gesicht nie mehr sehen.
Mann: Verstanden? Hallo? Verstanden?
Mann: Wo willst du jetzt hin? Du hast niemanden.
Mann: Ich will das nicht, weil keiner ein Kind von einer dummen Schlampe wie dir will.
Mann: Was willst du jetzt tun?

Der Bus hält.

(Ich wende mich von den erschreckten Gesichtern der anderen Passagiere ab, um auszusteigen.)

Ein Mädchen mit langen, dunklen Haaren stürmt aus der Tür und rennt vor dem Bus über die Straße. Rennt, rennt, wie befreit.
Eine Ecke weiter hat die Dunkelheit eines Hauseingangs sie schon verschluckt.
In einem der Gebäudekomplexe der Plattenbausiedlung, hinter deren Fenster ein ganzes Heer beherbergt sein muss – an Müttern.

nyc

zu-rück-sicht

Ich habe hier eine Bekannte, A. Vor kurzem hat A Rückenprobleme bekommen. Erst hatte sie gedacht, es würde irgendwie gehen, aber bei jeder Bahnfahrt zur Arbeit wurde es immer schlimmer.
Am Tag, als es unerträglich wurde zu laufen und zu sitzen und die Tränen sich völlig unaufgefordert über aufgestauten Selbstmitleid ergossen, war es grau, oder es war nur ihre Laune, und sie hatte eine Pflichtveranstaltung einer internationalen Organisation zu besuchen, welche sich wohl darauf spezialisiert, für ein zweiseitiges Formular mit einer vierstelligen Nummer, welches für ein US-Visum nötig ist, vierstellige Bearbeitungsgebühren abzurechnen und anschließend eine Pflichtveranstaltung zu organisieren.

Sie erfuhr bei der Vorstellungsrunde: dass ihr österreichischer Banknachbar aus einer Consulting-Agency nach einer Woche Aufenthalt in den USA aus seiner WG geflogen war, weil er am ersten Abend ein Mädchen mitgebracht hatte. Bei dem anschließenden Quiz: “Was passiert, wenn ich gegen die Regelungen meines J1-Visums verstoße?” verkniff sie sich den Vorschlag: “Electrocution”. Gefängnis war immerhin dabei.
Nach der Auskunft über die Bedingungen der Auslandsversicherung (vor der Ohnmacht oder einem Atemstillstand sollte man sichergehen, dass die Klinik die Gruppe First Health, und nicht etwa Health First, akzeptiert) entschied sie sich – ermutigt durch quälende Scherzen eines eingeklemmten Rückennervs und die vage Vermutung, permanent verarscht zu werden, diese graue Theorie anzuwenden.
Mit steifem Humpeln verließ sie den Raum vorzeitig, um sich Auskunft darüber zu verschaffen, welche Krankenhäuser in New York überhaupt die besagte Krankenversicherung akzeptierten.

Das Bewusstwerden der Fortbewegung, jedes Schritts erschien belastend und das anfängliche Kieferzusammenpressen des stolzen Guerrillakämpfers ging in beleidigtes Schmollen auf die Ungerechtigkeit der Schwerkraft über.
Nachdem A. insgesamt zwei Krankenhäuser im Staate New York ausfindig gemacht hatte, die First Health akzeptierten, hinkte sie langsam zum Beth Israel Hospital, East Side. Die Gleichgültigkeit der vorübereilenden Massen erschien in diesem Moment besonders grausam. Wäre sie umgekippt, wäre es möglicherweise nicht einmal aufgefallen.
Niemand zeigte Mitleid und so gab sie es auf, den Anschein verborgener Schmerzen zu machen.

Beim Betreten des Rezeptionssaales flennte sie bereits lauthals. Sie wurde von einer in die nächste Station verwiesen, ohne dass sie auf irgendwen mit dem Passionspiel Eindruck gemacht hätte. Die Patienten wurden wie kaputte Gegenstände weitergereicht. Mit distanzierter Freundlichkeit drückte eine Krankenschwester ihr einen Becher für die Urinprobe in die Hand und nahm Blut ab. Mit dieser deutlichen Nicht-Inkenntnisnahme schien das Leiden nur noch vergeblicher. Ständig wurde sie zum Sitzen aufgefordert, wobei es doch gerade darum ging, dass sie nicht sitzen konnte. Das interessierte nicht sonderlich.
Im Wartezimmer liefen Kranke und Schwestern zum Nachrichtensender umher, einige murmelten, einige redeten, alle waren mit sich beschäftigt. Eine weitere unfreundliche Rezeptionistin nahm Daten auf. Schließlich erbarmte sich eine der Arzthelferinnen und A. wurde in eine mit Plastikvorhängen abgetrennte Nische mit Liege und weiterem sterilen Krankenhauszubehör geführt.

Zermürbt und genervt krabbelte sie die Liege hoch und verbrachte so mehrere Stunden. Sie konnte hören wie hinter dem Vorhang die Schwestern lästerten und andere Patienten telefonierten. Rechts neben ihr beschwerte sich eine Frauenstimme darüber, dass sie niemandem klarmachen konnte, dass sie Probleme mit dem Rücken und nicht mit dem Bauch habe. Später wurde bei ihr ein Schwangerschaftstest gemacht.
Schließlich riss eine junge Assistenzärztin mit Klemmbrett den Vorhang auf, stellte einige Fragen, drückte kurz mit zwei Fingern auf A.s Kreuz, setzte ihr eine Betäubungsspritze und verschwand wieder. A. blieb liegen und, wie versprochen, wurde dieser Zustand zunehmend erträglicher, geradezu nett. Irgendwann erschien eine Schwester, teilte ihr mit, dass ihre Blutwerte in Ordnung seien, gab ihr zwei Zettel mit unverständlichen Anweisungen und eilte weiter.

A. hatte nun, ohne sichtliches Ergebnis und mit einer vagen Überweisung, das Krankenhaus zu verlassen. First Health war niemandem ein Begriff. Niemand schien A. wahrgenommen zu haben, in diesem seelenlosen Betrieb, der doch eigentlich das Helfen und Retten zur Aufgabe hatte. Niemand würde sich an die Patienten erinnern, weder an sie, noch an andere, schwerere Fälle. Völlig unbeachtet, ratlos und empört irrte A. zum Ausgang. Durch automatische Flügeltüren, vorbei an Tragen, Tröpfen, Rollstühlen, beschäftigten Menschen.

Gegenüber vom Ausgang bemerkte sie einen großen Rahmen mit einem Foto und Aufschriften. Auf dem Bild waren Rettungshelfer und Feuerwehrmänner zu sehen, um das Bild waren mit Filzstiften aufgetragene Namen und Nachrichten. Ohne weitere Erklärung war ersichtlich, worum es ging.
An welchen Tag, an welche Rettungsversuche, Krankengeschichten und Patienten sich die Menschen auf dem Foto, die Angestellten dieses Krankenhauses, die Bewohner dieser Stadt seit siebeneinhalb Jahren erinnern mussten.

manhattan

ausflug

Coney Island machte schon von der Subway aus einen heruntergekommenen Eindruck. Wir stiegen aus, gingen durch Wälder einst kunterbunter, vergilbter und abgeplätterter Anzeigen. Es war neblig und windig und der allererste Hot Dog Laden von Nathan — des Mannes, der angeblich das Hot Dog Esswettbewerb erfunden hat — verbarg sich vor dem Wetter und mangelnder Kundschaft hinter Rollläden, wie die meisten Buden und Häuschen, wenn sie nicht einfach schon vor Jahren zurück gelassen worden waren. Kürzlich sollen japanische Bauunternehmer den Vergnügungspark zum Wiederaufbau aufgekauft haben.

wir gingen die Holzbretter der Strandpromenade entlang und verloren uns im Nebel. Trotz des Windes und des Nieselregens schlenderten uns andere Spaziergänger entgegen, sichtlich gewöhnt an ihren Weg. Im Gegensatz zu den Taschenformaten Manhattans sind die Hunde Brighton Beachs weniger “zivilisiert” und brauchen Bewegungsraum. Selbstverständlich fragte ich die vorbei gehende ältere Dame mit ihrer kleinen Straßenkötermischung auf russisch nach dem Weg, wir kamen ins Gespärch und es stellte sich heraus, dass wir aus derselben Stadt kommen. Wir erinnerten uns an gemeinsame Orte und sie zeigte sich interessiert am Leben der Immigranten in Deutschland. Hier, sagte sie, respektiere man sie sowjetischen Immigranten nicht gerade, man sähe sie als zweitklassig an, nähme sie nicht für ganz voll und dulde sie lediglich. Dann wies sie uns die Richtung nach Brighton Beach und riet uns bloß nicht in die entgegen gesetzte zu gehen. Da sei das ganze “Negerpack”.
Vor einer Schautafel mit schwarz-weiß Fotos der Coney Island Parade 1937 drückte sie nochmals ihr bedauern darüber aus, dass es heute nicht mehr so aussähe, wie einst. Als schön gekleidete schöne weiße Menschen auf und ab flanierten, und nicht dieses schwarze und lateinamerikanische Gesindel.

Ja.

Unnötig zu sagen, dass diese Frau in der falschen Zeit lebt. Offensichtlich fühlt sie sich bedroht, von Menschen anderer Abstammung. Aber die Bedrohungen unserer Zeit sind andere. Nach und nach erobern sie die Ghettos von einst, breiten sich aus und schrecken nicht von den obskursten Straßen Brooklyns zurück. Geht man heute in Viertel, gezeichnet von einstigen Bandenkriegen, bewaffneten Überfällen und dröhnender Schlachtmusik, trifft man die Gangs hagerer, blasser, verräucherter Individualisten. Die spitzen Schuhe, die alten Nikes, die zerschlissenen Chucks, die Cowboystiefel, die Pantöffelchen, die Röhrenjeans, die Karrottenschnitthosen, die Baggypants, die Leopardenmusterleggins, die Kleidchen und Röckchen der Hipster begegnen uns. Diese Menschen machen Kunst, Musik, Poesie, Tattoos, Klamotten, Möbel. Sie wohnen in kalten Lofts, in feuchten Kellern, in engen Apartments.
Der Zusammenhang, dass auch Höhlenmenschen Kreidezeichnungen hinterlassen haben, lässt sich auch anders interpretierung, als dass diese besonders kreativ gewesen sein mussten.

Durch unbeleuchtete Lastwageneinfahrten, über Fabrikgelände und Plattensiedlungen gehen junge Menschen mit unerschüttertem Glauben an ihre Sonderbarkeit. Sie trotzen einheimischen Kriminellenkreisen, ihren Drogengeschäften und Waffendrohungen, zeigen sich unbeeindruckt von jahrzehntelangen Segregationsbemühungen. Gegen solche Ignoranz jeglicher kultureller Differenzen kommen selbst die härtesten Gängster New Yorks nicht an. Hipster besiedeln Harlem, Williamsburg, Fort Green, Dumbo. Die Wahrscheinlichkeit, dass einem myspaceadressen um die Ohren fliegen ist hier weitaus höher, als die von Kugeln.

Aus den abgelegendsten Landstrichen Amerikas kriechen sie zusammen, um sich mit gleichgesinnten Nonkonformisten zu organisieren und abzuhängen. Ihre Ablehnung jeglicher Effizienz wird die große Teile der Stadt bald in ein einziges Vokü-Straßenfest verwandelt haben.Trotz aller Kritikfähigkeit merzen sie alternative Lebensweisen in ihrem Umfeld nach und nach aus. Ihre Ansichten dulden keine Akzeptanz.

Andere Immigranten sind schließlich auch nicht toleranter.

Vielleich wird auch bald in Brighton Beach nicht mehr sowjetischer Eklektizismus, sondern Indiemusik ertönen.

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