Anna Jablonskaja – Von Prometheus und Buchenwald

Von Prometheus und Buchenwald

Anna Jablonskaja

Wir werden immer zur falschen Zeit geboren, unter Qualen und ohne ersichtlichen Grund.
Nichts lernen wir aus der Erfahrung, die über Generationen angesammelt wurde.
Dass wir jahrhundertealte Erinnerung mit der Muttermilch aufsaugen, ist ein Hirngespinst. Nichts anderes saugen wir auf, als Kalzium und Zärtlichkeit.
Wir sind nackt und haben nichts.
Wie die Höhlenmenschen müssen wir selbst den Stock in die Hände nehmen, den Stein wetzen, das Feuer entfachen. Kein Prometheus wird das für uns machen. Prometheus hat eine Menge anderer Sorgen. Prometheus füttert den Adler mit Leber. Im Laufe der Jahrtausende hat er sich mit dem schwarzschnäbligen Vogel angefreundet, der – wenn er nicht gerade Leber frisst – den Buddha auf seinen Flügeln trägt. Prometheus und Buddha bitten den Adler ständig darum, vorsichtig zu sein. Trotz des Roten Buches und des Schießverbots auf Raubvögel ist das Fliegen gefährlich geworden. Und dann sind da noch die Stromleitungen…
Nun denn.
Alles müssen wir selber machen.
Es stimmt nicht, dass das Fahrrad bereits erfunden worden ist. In Wirklichkeit besteht der Sinn des Lebens doch gerade darin, sein eigenes Fahrrad zu erfinden – und wenn es auch nur ein Dreirad ist. Und sollte es einem dann gelungen sein, ein paar Runden damit zu drehen, kann man sich glücklich schätzen.
Es ist leichter, wenn einem etwas fehlt. Das bedeutet, dass man danach streben muss. Wenn es an nichts fehlt, ist unklar, wie man leben soll.
Dumme Zeiten.
Man darf alles sagen, was man will. Fast alles. Man darf hin, wo immer man hin will. Und das bei völliger Orientierungslosigkeit. Es darf alles gelesen werden. Schade.
Schade, dass mir keiner das verbotene Buch von N. für eine Nacht geben wird, für 5 Rubel, nach meinem Schwur, keine Kopien davon zu machen, und wenn doch – dann für 10 Rubel. Ich kann in einen Buchladen gehen, in eine Bücherei, ins Internet und alles lesen, was ich will. Aber ich will nichts lesen. Weil alles, was dort geschrieben steht, überhaupt keinen Bezug zu mir hat.
Ich lebe auf einer Insel. Und ich bin rastlos. Jeder Odysseus, der was auf sich hält, ist dazu verpflichtet, irgendwann einmal Richtung Ithaka in See zu stechen.
Was habe ich von der Karte in meinen Händen, wenn mir der Maßstab unbekannt ist. Außerdem weiß ich nicht, wie man einen Kompass bedient, wie man in den Himmel schaut, wo das Kreuz des Südens und wo der Kleine Bär ist.
Ich muss die Sternbilder von Neuem entdecken und benennen. Alles muss ich von Neuem machen.
Es wird gesagt: der Mensch sei zum Mond geflogen. Welcher Mensch? Wer ist geflogen? Niemand ist geflogen.
Ein Mensch – das bin ich. Und ich erkläre mit absoluter Gewissheit, dass ich nirgendwohin geflogen bin. Ich weiß nicht einmal, wozu es überhaupt einen Mond gibt, und was Flut und Ebbe damit zu tun haben. Erzählt mir keine Märchen. Die Erfahrung irgendeines Neil Armstrong, der angeblich auf der Oberfläche des Mondes spazieren gegangen sein soll, sagt mir gar nichts. Ich war nicht einmal auf dem benachbarten Kontinent. Erzählt mir nicht, dass auch dort Menschen leben. So blöd bin ich nicht, dass ich dem Fernseher glaube. Erst recht nicht, weil ich keine Ahnung habe, wie er funktioniert.
Das Studieren von Altersfalten ist, genauso wie der Versuch, die Sprache der Geschichte zu entschlüsseln, eine undankbare Beschäftigung. Die Chiffriermaschinen arbeiten einwandfrei. Jedes Mal ein neuer Code. Wir werden nicht dahinter kommen. Der Grund besteht darin, dass die Sprache der Geschichte nichts anderes ist, als wir selbst. Die Geschichte spricht durch uns. Wir selbst sind ihre Buchstaben, ihre Worte. Und insgesamt sind wir ein Manuskript, das nicht in der Lage ist, sich selbst zu lesen.
Ich schaue in die Augen eines vorüber gehenden alten Mannes, der mit Orden behängt ist, wie mit Äpfeln, die ihn zu Boden ziehen. Ich schaue auf den Bildschirm – Hiroshima wird gesprengt. Ich lese über die Schlacht von Stalingrad, und sie ist für mich wie die Schlacht auf dem Peipussee. Und ich habe nach wie vor keine Ahnung vom Krieg.
So, als hätte es keinen gegeben.
Stundenlang schaut mein Liebster Dokumentaraufnahmen von faschistischen Paraden in schwarz-weiß. Es gefällt ihm, wie der rechte Arm der Masse emporschnellt. Als ob diese Masse nur einen Arm hätte, und nicht Hunderte von Tausenden, nicht Millionen von rechten Armen. Ich denke nicht, dass ihm der Faschismus gefällt. Ihm gefällt diese planmäßige Ordnung, diese organisierte Begeisterung. So etwas kommt selten vor.
Unser linker Arm gegen ihren im Hitlergruß hochgeworfen rechten. Der linke besiegt den rechten. Ein paradoxes Armdrücken. Es scheint, dass das einzige im Leben gültige Gesetz das Gesetz des Paradoxons ist.
Ich habe nichts gelernt, aus den Paraden, den Explosionen, von diesem alten Mann. Ich kannte mal einen. Er hat in einem Strafbataillon gedient. Ist bis Berlin gekommen. War in Buchenwald. „Die Öfen“, sagt er, „waren noch warm“. Und lächelt. Zu Recht. Was kann man da sagen? Kann ich das etwa begreifen?
Als Erstsemestlerin war ich sehr knapp bei Kasse. Das Geld reichte gerade mal für die Fahrt in einem zerbeulten Minibus mit der Nummer 127. Er fuhr mich zur Alma Mater. Einmal, fast an meiner Haltestelle angekommen, merkte ich, dass ich die Fahrt nicht bezahlen konnte. Der abgeriebene Geldbeutel aus Stoff war nicht in meiner Handtasche aufzufinden. Ich durchwühlte die Tasche mehrmals unter dem löchrigen Innenfutter, leerte mir ihren gesamten Inhalt in den Schoß und brach mutlos in Tränen aus.
Vor mir lagen ein Stift, ein Kamm, ein Block, eine Audiokassette und ein Bonbon. Geld war nicht dabei. Die um mich herum stehenden Fahrgäste beobachteten schweigend, wie mein Gesicht tiefrot anlief. Und auf einmal näherte sich mir ein glatzköpfiger untersetzter alter Mann mit bunt gestreiften Abzeichen auf seiner Jacke, steckte mir eine Handvoll dunklen Kupfers zu und entfernte sich leise. Ich versuchte, ihm das Geld zurück zu geben, weil es noch schlimmer war, Geld von einem Rentner im Bus anzunehmen, als mich vor dem Busfahrer zu rechtfertigen. Doch der Wohltäter verschwand in den Tiefen des Kleinbusses. Der Kriegsveteran wollte nicht diskutieren. Er tat einfach, was er tat.
Ich erzähle von dieser Begebenheit deswegen, weil alles, was nicht mir passiert, im Grunde genommen keine Bedeutung hat. Da ich auch nicht versuchen würde, mir den Krieg mithilfe von Filmen und Büchern vorzustellen, bedeuten diese Treubrüche und Trauerfeiern, dieser Heldentum und diese großen Taten für mich weniger als jene Tat im Bus. Sie hat mir unmittelbar und sehr eindringlich die Vergangenheit vor Augen geführt. Ich habe gespürt, wie die Soldaten der Sowjetrepublik ein halbes Jahrhundert zuvor waren, wie sie der Logik und allen Gesetzen des gesunden Menschenverstandes zufolge nicht hätten siegen können – und dann doch gesiegt haben.
Nun ist mir klar, warum.
Der linke Arm weiß nicht, was der rechte tut.
Ist es nötig, davon zu erzählen, wie ich einige Jahre nach dem Vorfall im Bus einen anderen Frontkämpfer voller Orden sah, zu dessen Füßen auf dem Gehsteig eine zerschlissene Mütze lag und der es, den knochigen Körper kerzengerade aufgerichtet, nicht wagte, den Vorbeigehenden ins Gesicht zu schauen?
Der Sieg war billig. Er war geschenkt, bloß weil niemand es gewagt hatte, einen angemessenen Preis zu nennen.
Worüber soll man überhaupt schreiben, wenn man nicht einmal richtig gelebt hat?
Gedankenfetzen – das ist alles, was ich auf diesem Papier, in dieser Minute, an diesem Tag hinterlassen kann. Ein bescheidenes Vermächtnis.
Das erste, was ein Mensch beim Einsteigen in den Bus mit der Fahrstrecke „Leben“ sieht, ist das Schild: „Zahlung der Fahrtkosten erfolgt beim Ausstieg“. Der Preis hängt davon ab, wo man aussteigt.
Zu viele Metaphern aus dem Verkehrswesen.
Zu viel jugendliche Maßlosigkeit bei mäßiger Jugend.
Zu viel davon, was ein Tagebucheintrag, jedoch nicht Literatur genannt werden kann.
Und nun?
Nun werde ich versuchen, öfter in den Himmel zu schauen. Vielleicht wird es mir eines Tages gelingen, den Adler zu sehen, der an Prometheus’ Leber pickt und auf seinem Rücken den Buddha trägt. Wenn ich ehrlich bin, glaube ich weder an den einen, noch an den anderen.
Aber an Adler glaube ich. Ich habe welche im Lehrbuch für Biologie gesehen.

(aus dem Russischen übersetzt von Irina Bondas)

Quelle: Nowaja Gazeta

Die junge Dramatikerin Anna Jablonskaja zählte zu den vielversprechendsten russischsprachigen Stimmen ihrer Generation. Am 24. Januar 2010, aus ihrer Heimatstadt Odessa in Moskau gelandet, um einen Literaturpreis entgegen zu nehmen, kam sie bei dem Anschlag auf Domodedowo ums Leben.
Sie hat unter anderem zahlreiche dramatische Texte und mehrere Essays – unter anderem diesen in der politisch unabhängigen Zeitung Nowaja Gazeta veröffentlichten – hinterlassen. In ihrem Blog hatte sie kurz vor ihrem Tod gepostet, sie habe das Gefühl, dass ihr nur wenig Zeit bliebe.

kein anfang mehr

Zeit kann nur in Vergangenheitsform existieren. Die Gegenwart ist eine Gelichzeitigkeit, die Zukunft ein Wunsch nach Bestimmung.Im Judentum ist es untersagt, die Zukunft vorherzusagen. Wozu denn auch? Die einzige Zeit die uns bleibt, ist die Vergangenheit. Vergangenes kann nicht fixiert werden, es lebt in – und von – der Erinnerung.

Wie eine Kiste alter Fotos wird Geschehenes gelegentlich ausgepackt, die Bilder immer wieder neu sortiert. Jedes Mal entsteht eine neue, improvisierte Variation eines verloren gegangenen Themas. Subjekte sind zu Objektivität nicht fähig. An das Vergangene kann nicht der Maßstab absoluter Wahrheit gelegt werden.

Meine Oma verstand sich auf die Variierung des Vergangenen. Je nach Gemütsverfassung und Situation hauchte sie Geschichten Leben ein, interpretierte diese jedes Mal neu, ergriff Mal für den einen, Mal für den anderen verstrittenen Verwandten Partei, Mal schickte sie jemanden zur Hölle, dann lobte sie denselben in den Himmel. Jede dieser Versionen durchlebte sie mit solch überzeugender Leidenschaft, dass es geradezu unmöglich wurde – vor allem für sie selbst – die Tatsächlichkeit anzuzweifeln. Eine der Geschichten, die ich mehrere Dutzend Mal gehört habe, handelte davon, dass mein Vater in seiner Kindheit so brav gewesen sein soll, dass sie ihn unter der Anweisung, endlich auch mal Unfug, wie die anderen Jungen im Hof zu treiben und sich auch mal die Hosen dreckig zu machen, aus der Wohnung aussperrte. Mein Vater aber soll ruhig vor der Tür gewartet haben, bis sie ihn reinlassen und Geige üben lassen würde. Die ausschmückenden Details wurden immer wieder abgewandelt. Die Teile ihrer Erzählungen mit wörtlicher Rede blieben grundsätzlich keine zwei Mal gleich. So manche Geschichte hätte meine Oma streng genommen gar nicht bezeugen können, da sie nicht dabei gewesen sein kann. Im Lafe der Zeit hat sie ihren Lebensweg, die Ereignisse in ihrem Umfeld, die Geschichte meiner Familie immer wieder neu interpretiert. Meine Oma war eine Frau der großen Gesten. Ihr emotionaler Lautstärkeregeler war immer voll aufgedreht.

Je mehr ich an sie denke, desto klarer wird mir, wie wenig ich sie eigentlich kannte, außerhalb ihrer eigenen widersprüchlichen Erinnerungen, die in meine übergegangen sind.

Knapp ein Viertel ihres Lebens habe ich begleitet. Als das prägendste Viertel – ihre Kindheit und Jugend – bereits unüberwindlich unter den unzählichen Möglichkeiten und Auslassungen, in Überschneidungen und Widersprüchen verschüttet war. Meine Oma hatte die Angewohnheit süßes und salziges vermischt aufzubewahren.

Mit der Evakuation vor der deutschen Besatzung aus Kiew kurz vor der Ermordung der Juden in Babij Jar, der Flucht – gößtenteils zu Fuß -, der harten Lebensbedingungen im und nach dem Krieg teilt sie das grausame Schicksal so vieler, dass sich daraus kaum etwas individuelles – ihre Persönlichkeit herauslesen lässt. Nur im Leid sind wir alle gleich.

Meine Oma hatte viele einzigartige Eigenschaften. Sie hatte eine immense Vorstellungskraft und ein mitreißendes Temperament. Sie kannte nicht nur schonungsloses Mitgefühl und Fürsorge, sie schaffte sich auch die Ursachen dafür.

Sie hätte eine brilliante Schauspielerin werden können. Meine Oma hatte auch eine besondere Art, sich auszudrücken. Sie war froh, wie eine Lokomotive und schwieg, wie ein Schäfchen. Sie beteuerte immer, dass sie nichts für sich brauche, nur unser Glück wäre ihre Freude. Und Gesundheit.

Alleine, mit wechselnden Lebenspartnern, zog sie zwei Kinder groß. Nach Jahren des Hungers und der Armut, nach Jahrzehnten anspruchsloser Arbeit in einer Fabrik und unermüdlichen Tauschgeschäften auf dem Schwarzmakt erfuhr meine Oma bei der Umsiedlung nach Deutschland aus Dokumenten, dass sie ihr ganzes bisheriges Leben an einem falschen Tag Geburtstag gefeiert hatte.

Meine Oma hatte zwei Geburtstage und nur einen Tod. Ausgerechnet am 9. Mai, am “Tag des Sieges”, hat ihr Herz aufgegeben. Es sind nicht die Worte, die fehlen, es ist alles weitere.

Die Vergangenheit ist die einzige Zeit, die uns bleibt. Immerzu neue Variationen der Erinnerung. Und die Unmöglichkeit, dieser Erinnerung auch nur einen weiteren Moment ihrer Freude hinzuzufügen.

austausch

Liebe A,

Die Antworten auf Deine und sonstige Fragen, die ich Dir nicht hätte geben können, auch nicht in einem Brief, den ich nie verfassen würde. Briefe üben doch immer Vergeltung an der Vergänglichkeit.
Schließlich ist knapp ein halbes Jahr vergangen und ich immer und noch weg, aus der Überachtmillionenstadt. Ich nehme an, so etwas wie Rückflüge gibt es in Wirklichkeit gar nicht.

Von Dir habe ich gelernt. Auch, dass andere das Wichtigste zuerst schreiben.
Und Dankbarkeit habe ich gelernt. Könnte ich entscheiden, gäbe es Dankbarkeit als Schulfach.
Die Härte, mit der ich zusammentraf, war und bleibt eigene Naivität.

Mein Freund aus New Jersey mit einem russischen und einem amerikanischen Vornamen sagte einmal, je weiter man von Zuhause weg sei, desto mehr würde man sich von der eigenen Vorhersagbarkeit entfernen.
Am härtesten trifft es, das gewohnt Sichere nicht mehr zu finden. Und wie verwöhnt ich bin!
Nicht das Fremde erschreckt uns. Was wir am Vertrauten vermissen, ist das Vertrauen darin.

Lebensumstände sind lediglich Symptome.
Die kleine, frustrierte Frau, die vor meiner – ihrer – Mietzimmertür rumorte und misstrauisch kontrollierte, wohin ich ging, wann ich wiederkam und was ich tat; Lebenshaltungskosten – ein derart deutsches Wort verliert woanders an Bedeutung; Die Abstände und das Verkehrsnetz, die Egozentriertheit Manhattans, die morgendlich überfüllten Busse, deren Busfahrer täglich durch die Lautsprecher schrien, sie wüssten genau, dass hinten noch Platz sei; Das routinierte Anschmiegen an fahrende Fremde; Die Hektik und Anforderungshöhe.

Der Schulfreund meines Freundes aus New Jersey ist so, wie sich Deutsche den typischen Amerikaner vorstellen. Vor allem, weil der angehende Doktor in Psychologie die meiste Zeit sehr laut darüber referiert, wie ignorant typische Amerikaner anderen Kulturen gegenüber seien. Essen scheint dabei die stärkste Manifestation von Kultur zu sein. Eingebettet in Monologe über Speise- und Reisevorlieben der Amerikaner schweifte er einmal verhältnismäßig kurz zu einem Exkurs über die menschliche Schmerzwahrnehmung ab. Laut Untersuchungen bevorzugen Menschen lang anhaltenden Schmerz dem kurzzeitigen, da das Gehirn am stärksten das Eintreten registriert.
Es ist also der Kontrast des Übergangs, der uns spüren lässt – salopp ausgedrückt.
Die vorhersagbaren Wechsel sind in den Griff zu bekommen, was aber passiert mit dem Ungreifbaren. Die Wärme. Woher kommt sie?

Auf einmal wurde mir der Grund für jegliche Rechtfertigungen wie unter den Füßen weggezogen. Hier bestehen keine Erklärungen für Entschuldigungen und umgekehrt.
Seite an Seite, die Nase in etwas Fremden, je nach Höhe, in Einem Zug merkwürdiger Verschiedenheiten. Das hat meine Schichten, wie Du es nanntest, gnadenlos geebnet.
Peinlich berührt musste ich einige Angewohnheiten aufgeben. Der Klang von Erfahrung ist blaß geworden, auch der von Helfen und von Retten. Besorgt musste ich feststellen, dass Sorge offensichtlich nicht überall Zuspruch findet. Und Zuspruch ist doch der Kamm des Verwirrten!

„Kultur, was ist das, Kultur?“, fragt mich der einstige Tänzer und derzeitige Alkoholiker Friedrich, während wir in Brighton Beach an einem Spielplatz vorbeilaufen, auf dem betrunkene russische Männer Schach spielen. Er deutet in ihre Richtung und fragt: “Bist Du darauf stolz?“
Ich habe ihm nicht geantwortet, dass Kultur möglicherweise die Nebenwirkung von Arbeitsprozessen ist. Dafür weiß ich weder von Kultur noch von Arbeit genug.
Als ich noch hier – schon dort – war, wurde Pessach, das Fest der Immigration, gefeiert. Wie unterschätzt es ist, dass zu Befreiung mehr gehört, als das Verlassen. Mehr noch, als das Erreichen.
Der Ausgang aus der Gefangenschaft ist wahrscheinlich die persönlichste und einsamste Wanderung.

Als ich etwa vier war soll ich meine Mutter gefragt haben: „Wie kannst du mich trösten?“
Meine Schwester war gerade für einen Monat in einem Zug nach Moskau abgefahren.
Zahlreiche Züge sind seitdem abgefahren.
„Wie kannst du mich trösten?“, fragte ich die Überachtmillionenstadt. Nachdem ich an- und alles anders kam, nachdem ich 40 Blocks im einzigen Schneesturm des Jahres gelaufen war, nachdem ich meine Überwältigung bewältigt hatte und gerade noch Zeit genug bleib, mein neues Vermissen zu antizipieren.
Weil doch alle unvorhersagbaren Dinge der Zeit unterworfen sind.
Ich begriff etwas mehr, dass es nicht möglich ist Berührungen festzuhalten.
Wie kannst du mich trösten?
Und die Überachtmillionenstadt summt.

Immer Deine.

austausch

Liebe A,

Die Antworten auf Deine und sonstige Fragen, die ich Dir nicht hätte geben können, auch nicht in einem Brief, den ich nie verfassen würde. Briefe üben doch immer Vergeltung an der Vergänglichkeit.
Schließlich ist knapp ein halbes Jahr vergangen und ich immer und noch weg, aus der Überachtmillionenstadt. Ich nehme an, so etwas wie Rückflüge gibt es in Wirklichkeit gar nicht.

Von Dir habe ich gelernt. Auch, dass andere das Wichtigste zuerst schreiben.
Und Dankbarkeit habe ich gelernt. Könnte ich entscheiden, gäbe es Dankbarkeit als Schulfach.
Die Härte, mit der ich zusammentraf, war und bleibt eigene Naivität.

Mein Freund aus New Jersey mit einem russischen und einem amerikanischen Vornamen sagte einmal, je weiter man von Zuhause weg sei, desto mehr würde man sich von der eigenen Vorhersagbarkeit entfernen.
Am härtesten trifft es, das gewohnt Sichere nicht mehr zu finden. Und wie verwöhnt ich bin!
Nicht das Fremde erschreckt uns. Was wir am Vertrauten vermissen, ist das Vertrauen darin.

Lebensumstände sind lediglich Symptome.
Die kleine, frustrierte Frau, die vor meiner – ihrer – Mietzimmertür rumorte und misstrauisch kontrollierte, wohin ich ging, wann ich wiederkam und was ich tat; Lebenshaltungskosten – ein derart deutsches Wort verliert woanders an Bedeutung; Die Abstände und das Verkehrsnetz, die Egozentriertheit Manhattans, die morgendlich überfüllten Busse, deren Busfahrer täglich durch die Lautsprecher schrien, sie wüssten genau, dass hinten noch Platz sei; Das routinierte Anschmiegen an fahrende Fremde; Die Hektik und Anforderungshöhe.

Der Schulfreund meines Freundes aus New Jersey ist so, wie sich Deutsche den typischen Amerikaner vorstellen. Vor allem, weil der angehende Doktor in Psychologie die meiste Zeit sehr laut darüber referiert, wie ignorant typische Amerikaner anderen Kulturen gegenüber seien. Essen scheint dabei die stärkste Manifestation von Kultur zu sein. Eingebettet in Monologe über Speise- und Reisevorlieben der Amerikaner schweifte er einmal verhältnismäßig kurz zu einem Exkurs über die menschliche Schmerzwahrnehmung ab. Laut Untersuchungen bevorzugen Menschen lang anhaltenden Schmerz dem kurzzeitigen, da das Gehirn am stärksten das Eintreten registriert.
Es ist also der Kontrast des Übergangs, der uns spüren lässt – salopp ausgedrückt.
Die vorhersagbaren Wechsel sind in den Griff zu bekommen, was aber passiert mit dem Ungreifbaren. Die Wärme. Woher kommt sie?

Auf einmal wurde mir der Grund für jegliche Rechtfertigungen wie unter den Füßen weggezogen. Hier bestehen keine Erklärungen für Entschuldigungen und umgekehrt.
Seite an Seite, die Nase in etwas Fremden, je nach Höhe, in Einem Zug merkwürdiger Verschiedenheiten. Das hat meine Schichten, wie Du es nanntest, gnadenlos geebnet.
Peinlich berührt musste ich einige Angewohnheiten aufgeben. Der Klang von Erfahrung ist blaß geworden, auch der von Helfen und von Retten. Besorgt musste ich feststellen, dass Sorge offensichtlich nicht überall Zuspruch findet. Und Zuspruch ist doch der Kamm des Verwirrten!

„Kultur, was ist das, Kultur?“, fragt mich der einstige Tänzer und derzeitige Alkoholiker Friedrich, während wir in Brighton Beach an einem Spielplatz vorbeilaufen, auf dem betrunkene russische Männer Schach spielen. Er deutet in ihre Richtung und fragt: “Bist Du darauf stolz?“
Ich habe ihm nicht geantwortet, dass Kultur möglicherweise die Nebenwirkung von Arbeitsprozessen ist. Dafür weiß ich weder von Kultur noch von Arbeit genug.
Als ich noch hier – schon dort – war, wurde Pessach, das Fest der Immigration, gefeiert. Wie unterschätzt es ist, dass zu Befreiung mehr gehört, als das Verlassen. Mehr noch, als das Erreichen.
Der Ausgang aus der Gefangenschaft ist wahrscheinlich die persönlichste und einsamste Wanderung.

Als ich etwa vier war soll ich meine Mutter gefragt haben: „Wie kannst du mich trösten?“
Meine Schwester war gerade für einen Monat in einem Zug nach Moskau abgefahren.
Zahlreiche Züge sind seitdem abgefahren.
„Wie kannst du mich trösten?“, fragte ich die Überachtmillionenstadt. Nachdem ich an- und alles anders kam, nachdem ich 40 Blocks im einzigen Schneesturm des Jahres gelaufen war, nachdem ich meine Überwältigung bewältigt hatte und gerade noch Zeit genug bleib, mein neues Vermissen zu antizipieren.
Weil doch alle unvorhersagbaren Dinge der Zeit unterworfen sind.
Ich begriff etwas mehr, dass es nicht möglich ist Berührungen festzuhalten.
Wie kannst du mich trösten?
Und die Überachtmillionenstadt summt.

Immer Deine.

verluste

Ich versuche mich daran zu erinnern, was ich vergessen und verloren habe, in den vielen letzten Monaten, was ich vermisse. Nummern, Adressen, Menschen, Mützen, Bücher, einen Schlafsack, mehrere Tüten, von denen ich nicht mehr weiß, welchen Inhalt diese hatten.
Auf Bahnhöfen und Tischen, in Zügen und fremden Wohnungen.

Vor kurzem hatte ich eine preisgekrönte Erzählung zu lesen. Es ging um einen Schriftsteller, der in den Siebzigern spurlos verschwindet und um seine Tochter, Künstlerin, die dieses Verschwinden ihr Leben lang verfolgt. Eben saß er noch in seinem Dachgeschosszimmer und schrieb und dann war er für immer fort. Und die Tochter wandert durch das Zimmer, wo seine Habseligkeiten gleich Museumsstücken ausgestellt sind, nimmt in Rückblenden halluzinogene Drogen und trifft ihren Freund, macht Kunst und unterhält sich mit ihrer Mutter. In Etwa.
„The Vanishing“. Man ahnt es schon zu Beginn. Zwei Frauen sitzen im Café und wir erfahren, dass sie kurz auf Robert oder Richard oder so ähnlich zu sprechen kommen. Dann erfahren wir, dass sie das Thema wechseln und über Alltägliches sprechen, explizit Alltägliches. Über den Preis von Kartoffeln, erfahren wir. Wir sind irgendwo in Amerika der neunziger Jahre.

Ich stelle fest, dass mich das nicht an das Verschwinden erinnert. Daran, wie wir vor langer Zeit, in unserer ersten deutschen Stadt eine Familie kannten, für die es auch die erste deutsche Stadt war. Ein Ehepaar mit zwei Söhnen im Teenageralter, die leidenschaftlicher Fahrradfahrer waren. Daran, wie das Rennrad des jüngeren vor unserer Haustür einmal unbemerkt in einen Kleintransporter geladen worden war, während er, bei uns zu Besuch, beteuerte, dass es in der Gegend sicher sei und er es nicht abzusperren brauche. Daran, dass sein älterer Bruder mit seinem Vater, gebeutelt vom Alltäglichen, eine Fahrradtour nach Frankreich unternommen hatten und wir, wie nebenbei, erfuhren, dass der Vater Zigaretten holen gegangen war und nicht zurückgekehrt ist.
Es kann nicht explizit erfasst werden. Verlust ist vielleicht das Alltäglichste überhaupt.

Eine Bekannte aus der ehemaligen Sowjetunion, erzählte mir zwanzig Jahre und einen Schlaganfall später davon, wie sie nach Amerika ausgewandert war. Sie hatte gerade einen Job gefunden und angefangen, ihre neue Einzimmerwohnung in Chicago einzurichten, als bei ihr eingebrochen wurde – durch die Wand zu der Nachbarwohnung. Als sie nach Hause kam, war ihre Haustür angelehnt, es brannte Licht, auf dem Boden war Schutt und um den Kühlschrank lagen angebissene Lebensmittel. Die Einbrecher hatten Geld oder Wertgegenstände gesucht, aber außer eines Anrufbeantworters, den sie mitnahmen, gab es nichts. Der amerikanische Klischeepolizist nahm am selben Abend ein Protokoll auf, während die Frau aufgeregt um ihn herumlief und bei jeder Frage die fehlende answering machine erwähnte. Der Anrufbeantworter war eine große Investition gewesen, und von essentieller Bedeutung bei der Jobsuche. Schmuck, fragte der Polizistenriese, Geld, VHS, Stereoanlage. Sie musste jedes Mal verneinen und auf die answering machine aufmerksam machen. TV, fragte der Polizist zuletzt und als sie auch diesmal sagen musste, dass sie keinen Fernseher habe, schaute er voller mitleidiger Verwunderung von seinem Protokoll zu ihr hoch, als wäre sie das seltsamste Wesen, das ihm bisher begegnet war. Nicht einmal einen Fernseher hatte sie. Tief beeindruckt sagte er: „Wow. Such a great job for nothing“.

Familienfreunde, die seit 25 Jahren in New Jersey leben erinnern sich an so genannte deutsche Wurst, die in der Sowjetunion eine seltene Delikatesse gewesen ist. In Deutschland habe ich noch nie von einer solchen kalt geräucherten nationalen Spezialität gehört. Sie erinnern sich daran, wie es ihnen kurz vor ihrer Abreise gelungen war, eine Wurststange zu beschaffen und wie diese dann in einer Tragetasche auf dem Bahnhof geklaut worden war. 25 Jahre später erinnern sie sich an die Bitterkeit eines solchen Verlustes.

Und ich war monatelang woanders als jetzt und versuche, Vergangenes, Verlorenes und Verbliebenes zu erahnen, wobei ich die Möglichkeit hätte, mich schon morgen von meinem Vermissen zu überzeugen und nicht einmal sagen kann, was die Tüten zum Inhalt hatten.

verluste

Ich versuche mich daran zu erinnern, was ich vergessen und verloren habe, in den vielen letzten Monaten, was ich vermisse. Nummern, Adressen, Menschen, Mützen, Bücher, einen Schlafsack, mehrere Tüten, von denen ich nicht mehr weiß, welchen Inhalt diese hatten.
Auf Bahnhöfen und Tischen, in Zügen und fremden Wohnungen. Manches taucht unerwartet auf, manches unter.

Vor kurzem hatte ich eine preisgekrönte Erzählung zu lesen. Es ging um einen Schriftsteller, der in den Siebzigern spurlos verschwindet und um seine Tochter, Künstlerin, die dieses Verschwinden ihr Leben lang verfolgt. Eben saß er noch in seinem Dachgeschosszimmer und schrieb und dann war er für immer fort. Und die Tochter wandert durch das Zimmer, wo seine Habseligkeiten gleich Museumsstücken ausgestellt sind, nimmt in Rückblenden halluzinogene Drogen und trifft ihren Freund, macht Kunst und unterhält sich mit ihrer Mutter. In Etwa.
„The Vanishing“. Man ahnt es schon zu Beginn. Zwei Frauen sitzen im Café und wir erfahren, dass sie kurz auf Robert oder Richard oder so ähnlich zu sprechen kommen. Dann erfahren wir, dass sie das Thema wechseln und über Alltägliches sprechen, explizit Alltägliches. Über den Preis von Kartoffeln, erfahren wir. Wir sind irgendwo in Amerika der neunziger Jahre.

Ich stelle fest, dass mich das nicht an das Verschwinden erinnert. Daran, wie wir vor langer Zeit, in unserer ersten deutschen Stadt eine Familie kannten, für die es auch die erste deutsche Stadt war. Ein Ehepaar mit zwei Söhnen im Teenageralter, die leidenschaftlicher Fahrradfahrer waren. Daran, wie das Rennrad des jüngeren vor unserer Haustür einmal unbemerkt in einen Kleintransporter geladen worden war, während er, bei uns zu Besuch, beteuerte, dass es in der Gegend sicher sei und er es nicht abzusperren brauche. Daran, dass sein älterer Bruder mit seinem Vater, gebeutelt vom Alltäglichen, eine Fahrradtour nach Frankreich unternommen hatten und wir, wie nebenbei, erfuhren, dass der Vater Zigaretten holen gegangen war und nicht zurückgekehrt ist.
Es kann nicht explizit erfasst werden. Verlust ist vielleicht das Alltäglichste überhaupt.

Eine Bekannte aus der ehemaligen Sowjetunion, erzählte mir zwanzig Jahre und einen Schlaganfall später davon, wie sie nach Amerika ausgewandert war. Sie hatte gerade einen Job gefunden und angefangen, ihre neue Einzimmerwohnung in Chicago einzurichten, als bei ihr eingebrochen wurde – durch die Wand zu der Nachbarwohnung. Als sie nach Hause kam, war ihre Haustür angelehnt, es brannte Licht, auf dem Boden war Schutt und um den Kühlschrank lagen angebissene Lebensmittel. Die Einbrecher hatten Geld oder Wertgegenstände gesucht, aber außer eines Anrufbeantworters, den sie mitnahmen, gab es nichts. Der amerikanische Klischeepolizist nahm am selben Abend ein Protokoll auf, während die Frau aufgeregt um ihn herumlief und bei jeder Frage die fehlende answering machine erwähnte. Der Anrufbeantworter war eine große Investition gewesen, und von essentieller Bedeutung bei der Jobsuche. Schmuck, fragte der Polizistenriese, Geld, VHS, Stereoanlage. Sie musste jedes Mal verneinen und auf die answering machine aufmerksam machen. TV, fragte der Polizist zuletzt und als sie auch diesmal sagen musste, dass sie keinen Fernseher habe, schaute er voller mitleidiger Verwunderung von seinem Protokoll zu ihr hoch, als wäre sie das seltsamste Wesen, das ihm bisher begegnet war. Nicht einmal einen Fernseher hatte sie. Tief beeindruckt sagte er: „Wow. Such a great job for nothing“.

Familienfreunde, die seit 25 Jahren in New Jersey leben erinnern sich an so genannte deutsche Wurst, die in der Sowjetunion eine seltene Delikatesse gewesen ist. In Deutschland habe ich noch nie von einer solchen kalt geräucherten nationalen Spezialität gehört. Sie erinnern sich daran, wie es ihnen kurz vor ihrer Abreise gelungen war, eine Wurststange zu beschaffen und wie diese dann in einer Tragetasche auf dem Bahnhof geklaut worden war. 25 Jahre später erinnern sie sich an die Bitterkeit eines solchen Verlustes.

Und ich war monatelang woanders als jetzt und versuche, Vergangenes, Verlorenes und Verbliebenes zu erahnen, wobei ich die Möglichkeit hätte, mich schon morgen von meinem Vermissen zu überzeugen und nicht einmal sagen kann, was die Tüten zum Inhalt hatten.

Queens

Eine Bushaltestelle an der Continental Avenue, Queens.

PERSONEN

Gruppe Menschen
Bus
großgewachsener Mann
bärtige Verrückte
junges Mädchen
ich

Es ist spät, kalt und sehr windig.
Eine Gruppe Menschen wartet auf den Bus. Die meisten haben sich in die Eingangshalle einer Bank gestellt.

(Eine kleine Frau am Eingang, die sich gerade ihre Zigarette angezündet hat, macht mir auf.)

Die bärtige Verrückte, die hier wohnt kratzt sich durch die Lagen ihrer Kleidung und murmelt etwas Unverständliches. Von innen beobachten die Wartenden, die von einem Grocery Store und einer 24-Studen Drogerie beleuchtete Straße. Die Gnadenlosigkeit der Witterungsverhältnisse erinnert an einen Western, als könnte gleich ein Steppenläufer vorbei rollen.
Es weht Verpackungsmüll über den Asphalt. Der breitschultrige, großgewachsene Mann in Hoodie lehnt an der Haltestelle. Eingemummt und vorgebeugt kaut er an einem Burger. Der Bus fährt heran, kommt zum stehen und öffnet die vordere Tür. Die Wartenden stellen sich an. Das Handy des Mannes klingelt während des Einsteigens.

Mann: [steigt in ein und setzt sich auf einen der Sitze im hinteren Bereich des Busses]: Hallo.
Mann: Hallo?
Mann: Hallo?
Mann: Ich hör dich schlecht.
Mann: Ich steige jetzt in den Bus.
Mann: Ich war auf der Arbeit.
Mann Hallo?
Mann: Wer hat dir gesagt, ich war im Fitnesstudio?
Mann: Ich hör dich nicht.
Mann: Ich bin im Bus.
Mann: Ich fahre jetzt heim.
Mann: Was machst du?
Mann: Wo bist du?
Mann: Hallo?
Mann: Du bist im Arsch.
Mann: Hallo?
Mann: Du bist im Arsch.
Mann: Ich hör dich nicht.
Mann: Kannst du mich hören.
Mann: Was machst du?
Mann: Du bist im Arsch.
Mann: Ich war so angepisst, ich habe ihnen alles erzählt.
Mann: Hallo?
Mann: Sie wissen alles.
Mann: Was wirst du jetzt machen?
Mann: Hallo?
Mann: Wo bist du?
Mann: Wo willst du jetzt hin?
Mann: Mann, ich war so angepisst, du bist im Arsch, sag ich dir.
Mann: Hörst du mich?
Mann: Du bist im Arsch.
Mann: Sie wissen alles, ich habe ihnen alles erzählt.
Mann: Du bist im Arsch, hörst du mich?
Mann: Wo bist du jetzt?
Mann: Wo willst du jetzt hingehen?
Mann: Du kannst da nicht hin.
Mann: [Stimme wird zunehmend lauter]Du bist im Arsch.
Mann: Hörst du mich? [steht auf und geht an die Tür des Busses]
Mann: Da kannst du nicht hin. Ich habe ihr alles erzählt. Wo willst du hingehen?
Mann: Zu meiner Mutter kannst du nicht.
Mann: Ich sagte, ich habe ihnen alles erzählt.
Mann: Nein, da kannst du nicht hin.
Mann: Das wirst du nicht, ich werde es verhindern.
Mann: Zu mir kannst du nicht.
Mann: Hallo?
Mann: Du bist im Arsch.
Mann: Nein, zu meiner Mutter kannst du nicht.
Mann: Kannst du mich hören?
Mann: Da kannst du nicht hin. Was willst du jetzt tun?
Mann: Nein, habe ich gesagt.
Mann: Meine Mutter liebt mich mehr als dich.
Mann: Wo willst du jetzt hingehen?
Mann: Wenn du zu ihr gehst, bring ich sie um.
Mann: Und dich.
Mann: Hallo? Kannst du mich hören?
Mann: Verstehst du mich?
Mann: Was willst du jetzt tun?
Mann: Wo willst du hin?
Mann: Du kannst nirgendwo hingehen. Du bist im Arsch.
Mann: Ich war so angepisst, ich habe ihnen alles erzählt.
Mann: Hallo?
Mann: Wo willst du jetzt hin?
Mann: Nein, da kannst du nicht hin, ich habe ihnen alles erzählt.
Mann: Du kannst nicht nach Costa Rica, die werden dich nicht rein lasse. Du bist im Arsch.
Mann: Nein, ich habe alles erzählt.
Mann: Hast du mich verstanden?
Mann: Du kommst nicht zu mir.
Mann: Was willst du tun?
Mann: Hast du mich verstanden? Wo willst du jetzt hin? Du kannst nirgendwo hin.
Mann: Ok, du holst mich jetzt ab. Nein, ich bin im Bus [läuft zum Vorderteil des Busses, schaut durchs Fenster]
Mann: Ich weiß es nicht, ich fahre mit dem Bus.
Mann: Du holst mich sofort ab.
Mann: Du wartest auf mich an der Bushaltestelle. Verstanden?
Mann: Ich weiß nicht wo wir sind [versucht durch das Fenster die Name der Straße zu entziffern]
Mann: Ich weiß es nicht. Du holst mich nicht ab. Du kannst nicht zu mir.
Mann: Nein, du wirst nicht zu mir kommen. [läuft umher]
Mann: Ich will dich nicht mehr sehen.
Mann: Wo willst du jetzt hin?
Mann: Hallo?
Mann: Was willst du jetzt tun?
Mann: Du kannst nirgendwo hin, zu mir bestimmt nicht.
Mann: Nein, die werden dich nicht reinlassen. Ich habe alles gesagt, verstanden?
Mann: Weil du eine dumme Schlampe bist, verstanden? Niemand wird eine Schlampe wie dich reinlassen, verstanden?
Mann: Was willst du tun?
Mann: Wo gehst du jetzt hin? Ich will dich nicht mehr sehen. Ich will dein dummes Gesicht nie mehr sehen.
Mann: Verstanden? Hallo? Verstanden?
Mann: Wo willst du jetzt hin? Du hast niemanden.
Mann: Ich will das nicht, weil keiner ein Kind von einer dummen Schlampe wie dir will.
Mann: Was willst du jetzt tun?

Der Bus hält.

(Ich wende mich von den erschreckten Gesichtern der anderen Passagiere ab, um auszusteigen.)

Ein Mädchen mit langen, dunklen Haaren stürmt aus der Tür und rennt vor dem Bus über die Straße. Rennt, rennt, wie befreit.
Eine Ecke weiter hat die Dunkelheit eines Hauseingangs sie schon verschluckt.
In einem der Gebäudekomplexe der Plattenbausiedlung, hinter deren Fenster ein ganzes Heer beherbergt sein muss – an Müttern.

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zu-rück-sicht

Ich habe hier eine Bekannte, A. Vor kurzem hat A Rückenprobleme bekommen. Erst hatte sie gedacht, es würde irgendwie gehen, aber bei jeder Bahnfahrt zur Arbeit wurde es immer schlimmer.
Am Tag, als es unerträglich wurde zu laufen und zu sitzen und die Tränen sich völlig unaufgefordert über aufgestauten Selbstmitleid ergossen, war es grau, oder es war nur ihre Laune, und sie hatte eine Pflichtveranstaltung einer internationalen Organisation zu besuchen, welche sich wohl darauf spezialisiert, für ein zweiseitiges Formular mit einer vierstelligen Nummer, welches für ein US-Visum nötig ist, vierstellige Bearbeitungsgebühren abzurechnen und anschließend eine Pflichtveranstaltung zu organisieren.

Sie erfuhr bei der Vorstellungsrunde: dass ihr österreichischer Banknachbar aus einer Consulting-Agency nach einer Woche Aufenthalt in den USA aus seiner WG geflogen war, weil er am ersten Abend ein Mädchen mitgebracht hatte. Bei dem anschließenden Quiz: “Was passiert, wenn ich gegen die Regelungen meines J1-Visums verstoße?” verkniff sie sich den Vorschlag: “Electrocution”. Gefängnis war immerhin dabei.
Nach der Auskunft über die Bedingungen der Auslandsversicherung (vor der Ohnmacht oder einem Atemstillstand sollte man sichergehen, dass die Klinik die Gruppe First Health, und nicht etwa Health First, akzeptiert) entschied sie sich – ermutigt durch quälende Scherzen eines eingeklemmten Rückennervs und die vage Vermutung, permanent verarscht zu werden, diese graue Theorie anzuwenden.
Mit steifem Humpeln verließ sie den Raum vorzeitig, um sich Auskunft darüber zu verschaffen, welche Krankenhäuser in New York überhaupt die besagte Krankenversicherung akzeptierten.

Das Bewusstwerden der Fortbewegung, jedes Schritts erschien belastend und das anfängliche Kieferzusammenpressen des stolzen Guerrillakämpfers ging in beleidigtes Schmollen auf die Ungerechtigkeit der Schwerkraft über.
Nachdem A. insgesamt zwei Krankenhäuser im Staate New York ausfindig gemacht hatte, die First Health akzeptierten, hinkte sie langsam zum Beth Israel Hospital, East Side. Die Gleichgültigkeit der vorübereilenden Massen erschien in diesem Moment besonders grausam. Wäre sie umgekippt, wäre es möglicherweise nicht einmal aufgefallen.
Niemand zeigte Mitleid und so gab sie es auf, den Anschein verborgener Schmerzen zu machen.

Beim Betreten des Rezeptionssaales flennte sie bereits lauthals. Sie wurde von einer in die nächste Station verwiesen, ohne dass sie auf irgendwen mit dem Passionspiel Eindruck gemacht hätte. Die Patienten wurden wie kaputte Gegenstände weitergereicht. Mit distanzierter Freundlichkeit drückte eine Krankenschwester ihr einen Becher für die Urinprobe in die Hand und nahm Blut ab. Mit dieser deutlichen Nicht-Inkenntnisnahme schien das Leiden nur noch vergeblicher. Ständig wurde sie zum Sitzen aufgefordert, wobei es doch gerade darum ging, dass sie nicht sitzen konnte. Das interessierte nicht sonderlich.
Im Wartezimmer liefen Kranke und Schwestern zum Nachrichtensender umher, einige murmelten, einige redeten, alle waren mit sich beschäftigt. Eine weitere unfreundliche Rezeptionistin nahm Daten auf. Schließlich erbarmte sich eine der Arzthelferinnen und A. wurde in eine mit Plastikvorhängen abgetrennte Nische mit Liege und weiterem sterilen Krankenhauszubehör geführt.

Zermürbt und genervt krabbelte sie die Liege hoch und verbrachte so mehrere Stunden. Sie konnte hören wie hinter dem Vorhang die Schwestern lästerten und andere Patienten telefonierten. Rechts neben ihr beschwerte sich eine Frauenstimme darüber, dass sie niemandem klarmachen konnte, dass sie Probleme mit dem Rücken und nicht mit dem Bauch habe. Später wurde bei ihr ein Schwangerschaftstest gemacht.
Schließlich riss eine junge Assistenzärztin mit Klemmbrett den Vorhang auf, stellte einige Fragen, drückte kurz mit zwei Fingern auf A.s Kreuz, setzte ihr eine Betäubungsspritze und verschwand wieder. A. blieb liegen und, wie versprochen, wurde dieser Zustand zunehmend erträglicher, geradezu nett. Irgendwann erschien eine Schwester, teilte ihr mit, dass ihre Blutwerte in Ordnung seien, gab ihr zwei Zettel mit unverständlichen Anweisungen und eilte weiter.

A. hatte nun, ohne sichtliches Ergebnis und mit einer vagen Überweisung, das Krankenhaus zu verlassen. First Health war niemandem ein Begriff. Niemand schien A. wahrgenommen zu haben, in diesem seelenlosen Betrieb, der doch eigentlich das Helfen und Retten zur Aufgabe hatte. Niemand würde sich an die Patienten erinnern, weder an sie, noch an andere, schwerere Fälle. Völlig unbeachtet, ratlos und empört irrte A. zum Ausgang. Durch automatische Flügeltüren, vorbei an Tragen, Tröpfen, Rollstühlen, beschäftigten Menschen.

Gegenüber vom Ausgang bemerkte sie einen großen Rahmen mit einem Foto und Aufschriften. Auf dem Bild waren Rettungshelfer und Feuerwehrmänner zu sehen, um das Bild waren mit Filzstiften aufgetragene Namen und Nachrichten. Ohne weitere Erklärung war ersichtlich, worum es ging.
An welchen Tag, an welche Rettungsversuche, Krankengeschichten und Patienten sich die Menschen auf dem Foto, die Angestellten dieses Krankenhauses, die Bewohner dieser Stadt seit siebeneinhalb Jahren erinnern mussten.

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